Mein Leben als Blondin

Blondin. Von diesem Wort habe ich bei Wikipedia neulich zum ersten Mal in meinem Leben erfahren. Nicht zu verwechseln mit dem Schäferhund der größten Arschgeige des 20 Jahrhunderts. Für mich war die Entdeckung des Wortes nicht ganz unbedeutend, bin ich schliesslich schon mein ganzes Leben lang ein Blondin, ohne je von dem Wort gewusst zu haben.
Die Rede ist von einer "männlichen Blondine", was trotz eindeutigem Attribut irgendwie schwul klingt. "Der ist so' n Blonder", würde man wohl eher sagen. Nicht seit 100 Ausgaben, dafür aber immerhin seit 31 Jahren. Tendenz steigend.
Tom Cruise und Patrick Swayze sind keine Blondinnen! So hatte man als 08/15 Type vom Lande mit blonden dünnen Haaren in den 80ern leider keinen optischen Hollywood Paten. Nur einer aus der Glotze war mir ähnlich: Hannes Strohkopp, Hauptfigur aus "Janoschs Traumstunde". Sein Charakter: 08/15 Type vom Lande mit blonden dünnen Haaren. Besonderes Merkmal: Uncool. Ab sofort trug ich seinen Namen, was mich klar zum Vollpfosten in Sachen Mädchen machte.
Klar war, dass mein Schwarm den Spitznamen so lustig fand, dass sie mich nur noch so genannt hat. Immer sehr laut, damit der Name sich auch verbreitet. Das war so richtig gut für' s Selbstbewusstsein. Meine erste pupertäre Krise und Schuld daran waren die blonden Haare!
In der BMX - Phase war plötzlich bei den Skater Freunden Haare abrasieren angesagt. Kannste vergessen, wenn du hellblond bist. Es sieht nämlich so aus als hättest du überhaupt keine Haare. Oder alternativ als wärest du krank.
Außerdem gehörte ein Ziegenbärtchen dazu. Und das wiederum konnte ich mir aufgrund weniger Stoppel, dafür aber unsichtbare, weil blond, so gar nicht leisten. Die Blond Flop-Phase schien einen guten Lauf zu haben.
Schon kam das nächste Problem. Mit blonden Haaren wirkt man in der Stadt anders als auf dem Dorf wie ein "Junge aus gutem Hause". Natürlich eine Katastrophe, wenn man genau das Gegenteil darstellen will. Oberflächlich zumindest. Ganz gleich wie abgerockt die Klamotten und löchrig die Schuhe auch waren, der Skatguru aus Gütersloh urteilte über mich nett vernichtend: "Du siehst irgendwie immer so... so ordentlich aus". Jetzt musste ich aber was tun!
Aber mir die Haare färben? Dunkle Haare, blonde Augenbrauen. Oha... würde ein Debakel werden.
Da bot mir die BMX Szene plötzlich den idealen Trend. Haare lang wachsen lassen.
Ein Traum! Das hatten auch nicht viele, damit könnte man endlich auffallen. Los, nix wie lang wachsen lassen. Los, los, los. Haare lang jetzt.
Und geschafft. Nach einem Katastrophal Ausfall in der Wachstumsmitte - die Friseuse meinte, die Haare müssten "mal alle auf eine Länge gebraucht werden" - uuuaaaa wisst ihr noch wie Nick Carter mit 15 aussah? - hatte ich dann tatsächlich mein Ziel erreicht.
Ich hatte mein Lebensgefühl gefunden: Freestyle! Lange Haare, BMX, rumhängen und den ganzen Tag Scheisse labern.
Ja, so hätte ich mir das bis zur Rente vorstellen können.
Aber die nächste Bedrohung lies nicht lange auf sich warten. Die Glatze. Zunehmend machten Leute in meinem Umfeld Witze, ich würde ja schon bald die Haare verlieren. Ein Mädchen zeigte sogar mal auf meinen Wirbel und meinte: "Simon, da hinten kriegst du eine Pläte." Ja, ihr wisst schon. Die, die ich gut fand. Wie immer laut.
Der Alptraum. Mädchen müssen sich das in etwa so vorstellen wie: "Du, deine Brüste sind gerade abgefallen. Da hinten liegen sie."
Jedes lose Haar in meinem Kaputzenpulli nagte an meinem Selbstbewusstsein. Ja, und es stimmte. Männer mit dünnen blonden Haaren verlieren sehr, sehr früh ihr Haupthaar. Mann, warum hab ich nicht so Haare wie Tom Cruise?
Oder so wie der da...? Aus dem Nichts tauchte in Gütersloh plötzlich ein Typ auf mit langen, blonden, vollen Haaren.
Und alle Mädels waren verrückt nach ihm. Jedenfalls die, die er noch nicht hatte.
"Komisch. Blond und die Mädels stehen drauf?" Ich war baff.
Ja und wie sie auf ihn standen! Allen voran meine Freundin.
Seine Freundin. Zwei Wochen später.
Tja, das Comeback als Vollpfosten war gelungen.
Von meinen verzweifelten Fön, Gel und Haarschaum Versuchen, um sich in Sachen Volumen konkurrenzfähig zu machen, will ich euch lieber nicht erzählen. Zu peinlich.
Zwei Jahre später. Da sah ich ihn wieder, meinen Erzrivalen. Und Hoppla, nein, das war kein Wirbel.
Meine Nemesis hatte eine Pläte am Start!
Und in diesem Moment war es mir zum ersten Mal in meinem Leben scheissegal, dass ich blond war.
Ich war einfach nur froh, dass ich meine Haare noch auf der Rübe hatte.
Denn trotz vehementen Einredens, Arschgeigen Kommentaren und stundenlangen Spiegelchecks - meine Haare waren noch da.
Und dafür war ich ihnen verdammt noch mal dankbar.
Selbst wenn Ken blond wäre. Dass Barbie nicht auf mich steht, liegt wohl eher daran, dass ich nicht Ken bin. Und wer will schon so eine verkappte Homo Plastik Puppe sein?



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